Am Puls der Zeit

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Lurchis Welt stellt man sich gemeinhin als romantisch und beschaulich vor. Eine Welt aus Pilzhäusern und kleinen gepflegten Vorgärten. Doch Lurchis Hochphase ist die Zeit des Wirtschaftswunders, die 50er Jahre.

Dementsprechend fortschrittlich geht es in den Heften zu: In Heft 4, der 1958 erschienenen Neubearbeitung einer älteren Folge, impft Lurchi Wolken mit Silberjodid. Eine Technik, die zur Beeinflussung des Wetters tatsächlich gelegentlich eingesetzt wird. Genau in diesem Jahr wurde in Deutschland eine Hagelabwehr eingerichtet, bei der Silberjodid mit Raketen in Wolken geschossen wurde.

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Die neue Zeit fordert ihr Tribut: Mit ihrem nagelneuen Wagen zerlegen Hopps und Lurchi in Folge 8 das Pilzhäuschen einer Tankstelle. Für den heutigen Betrachter ist Lurchis Auto ein Oldtimer, aber damals, 1953, war es ein hochmodernes Modell.

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Lurchi bleibt nah am Puls der Zeit: Der Boxer Bubi Scholz siegt im März 1954 über den Amerikaner Al Andrews, Lurchi im selben Jahr in Folge 10 über Hamster Hammerstampf.

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Das im Dezember 1955 erschienene Fußballheft (Folge 14) darf man wohl als verspätete Reaktion auf die gewonnene Fußball-WM 54 ansehen.

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Mitte 1958 brachte ein kalifornischer Hersteller den Hula-Hoop-Reifen auf den Markt und löste damit eine weltweite Modewelle aus, die auch Lurchi und seine Freunde erreicht: Im Heft 20 (1959) spielen sie Hula-Hoop mit Fahrradschläuchen – und fangen damit eine Ziege. Dieses Heft, eine Camping-Geschichte, und das folgende reflektieren außerdem die Urlaubsgewohnheiten der Deutschen Ende der 50er Jahre.

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Die Sommerolympiade 1960 in Rom wird in Heft 22 aufgegriffen. Mehr dürfte die Menschen nach dem Sputnik-Schock der Wettlauf ins All beschäftigt haben: Präsident Kennedy hatte im Mai 1961 verkündet, dass die USA vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond schicken werden. Warum nicht auch einen Feuersalamander? Lurchi lässt sich durch die Rede inspirieren, steckt seine Ziele aber weiter: in der Hefttrilogie Flug zum Mars (24, 25, 26) fliegt er zum roten Planeten.

Dass auch der Mähdrescher in Folge 30 zum Thema gehört, wie die moderne Welt in den Lurchiheften gespiegelt wird, erschließt sich dem modernen Betrachter kaum. Heinz Schubel, der Zeichner, war zu dieser Zeit schon 58 und kannte noch gut die frühere mühsame Feldarbeit mit Sense und Sichel. Dass nun Mähdrescher die Landarbeit erleichterten, war ihm eine Folge wert.

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Im Jahr 1970 geht es im Lurchikosmos sehr tagespolitisch zu. In Lurchis Welt ist man sogar den Geschehnissen voraus. Besaß Schubel eine Kristallkugel und hat in die Zukunft gesehen? Das im Juni 1970 erschienene Heft 49 handelt von einer Ölkrise. Die „erste“ Ölkrise begann jedoch im Herbst 1973. Vielleicht gab es 1970 bereits einige Vorboten der Krise, die heute kaum noch bekannt sind?

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Für Bilderbuch-Fans ist jedoch interessanter, dass sich zumindest Schubel damals nicht in einer Krise befand, sondern im Zenit seiner Gestaltungskraft stand. Wieder strickt er die Geschichte mit feinen Nadeln. Auf dem ersten Bild sieht man im Hintergrund ein Taubenpaar, zunächst einfach nur ein Hinweis, dass der Tankwagen nicht mehr benutzt wird.

Die Geschichte schreitet dann fort, erst nach vier Seiten kommt Schubel auf die Tauben zurück. Der Leser kann sich nun im Kopf eine kleine Geschichte rund um die Tauben zurechtreimen. Sie hatten den leeren Tank als Nistplatz entdeckt und werden jetzt – Lurchi brachte die Ölquelle wieder zum Sprudeln – mit Öl übergossen. Klar, dass die Freunde ihnen helfen und sie säubern.

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Zu erwähnen ist noch, dass Schubel auch mit seinem letzten Heft, der Folge 52, auf das aktuelle Tagesgeschehen einging. Das Heft, das die Sommerolympiade 1972 in München bereits im Vorfeld abhandelt, erschien im März 72. Links im Bild: Feldherrenhalle und Theatinerkirche etc., Mitte: Frauenkirche, rechts Olympiaturm und das zeltartige Dach des Olympiastadions, eine ungewöhnliche und damals sehr berühmte Dachkonstruktion.

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