Erwin Kühlewein

Lebensstationen von Erwin Kühlewein, Lurchitexter 1953 – 64, erzählt von seinem Sohn Claus Kühlewein

Mein Vater Erwin Kühlewein wurde am 13.03.1915 in Ludwigsburg geboren. Seine kaufmännische Laufbahn begann mit einer Banklehre. Danach war er einige Jahre in München tätig.

Als Offizier geriet er im 2. Weltkrieg an der Westfront 1944 in britische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1946 erhielt Erwin Kühlewein seine entscheidende berufliche Prägung in der Periode von 1948 bis 1963 bei der Salamander AG in Kornwestheim. Seit 1950 war er als Prokurist und Werbeleiter für die gesamte Werbung verantwortlich und hatte in diesen Jahren auf Grund seiner schöpferischen und innovativen Veranlagung wichtige Impulse gegeben.

Aus seiner Feder stammen die besten Lurchi-Geschichten (Hefte 6 – 29), mit denen er vielen Kindern – auch dank der Neuauflagen des Esslinger-Verlags – bis heute Freude bereitet hat.

Die ersten Lurchi-Hefte, die damals noch in Sütterlinschrift und später in lateinischer Schreibschrift gedruckt wurden, waren nach dem Krieg eine beliebte Lesefibel an den Grundschulen, denn den Lehrkräften fehlten oft noch geeignete Lehrbücher. Deshalb besorgte sich die Druckerei beim Kultusministerium die offiziellen Schriftvorlagen. So wurde Lurchi bei Groß und Klein schnell zur Kultfigur, und bald entstanden auch Kostüme und Spielfiguren der Hauptakteure aus den Geschichten.

erwin-kuehlewein-lurchi-texter

Erwin Kühlewein (links), beim Texten im Weinberghaus, August 1959 (rechts), Sohn Claus im Lurchikostüm, 1952 (Mitte)

Viele der aus der Feder von Erwin Kühlewein stammenden Lurchi-Abenteuer hatten einen realen Hintergrund. Sie beruhen auf wahren Begebenheiten, die ich gemeinsam mit meiner Schwester Brigitte und unseren Eltern erlebt habe.

Mein Vater hat diese Erlebnisse mit dichterischer Feder in unserem „Weinberghaus“ (bei Markgröningen im Glemstal) zu Papier gebracht. Er textete die Geschichten für Salamander meistens an Wochenenden in seiner Freizeit – kostenlos – bei Auflagen bis 2,75 Mio. je Heft. War wieder ein neues Lurchiabenteuer fertig, wurde der Familienrat um Beurteilung gebeten. Verstanden wir Kinder den Sinn nicht, wurde die Stelle neu verfasst oder umformuliert.

Wenn Heft 11 mit dem Reimvers „An dem Bach in Waldeskühle / steht die längst verlass’ne Mühle“ beginnt, so beschreibt dieses Abenteuer die Familienferien im Bayrischen Wald in Saulburg.

Die zweiteilige Weinberggeschichte (Hefte 18, 19) erzählt reale Erlebnisse in unserem Weinberg-Wochenendhaus. Als ich im Winter aus einer zugefrorenen Pfütze einen toten Frosch ins Haus bringe und ihn tatsächlich auftauen und damit wieder zum Leben erwecken möchte, setzt mein Vater dieses Erlebnis in der späteren Geschichte gekonnt in ein Versmaß um.

lurchi-frosch-hopps-eingefroren

„Ringsum Stille. – Da entdeckt
Lurchi unterm Laub versteckt,
Hopps, bis über beide Ohren
In der Pfütze eingefroren.“

In jedem Frühjahr müssen die benachbarten Weingärtner die steilen Weinbergterrassen neu pfählen. Der Gedanke eines Weinbauern, dafür eine Maschine einzusetzen, bringt Erwin Kühlewein auf die Idee eines Hubschraubereinsatzes, der sowohl pfählen, mit dem Igel auf dem Rücken im Schlepptau Unkraut umpflügen und mit Spritzdüsen ausgestattet schließlich noch die Reblaus bekämpfen kann.

lurchi-hubschraubereinsatz

Im Herbst zieht der so genannte Wengertschütz, die Symbolfigur des Weinberghüters, bis zur Traubenlese durch die Weinberge und sorgt nicht nur für die Einhaltung der Weinbergsordnung, sondern vertreibt mit Böllerschüssen und einer Rätsche Vögel, Dachse – und manche zweibeinigen Traubendiebe.

lurchi-weinberg-stare

Zuckersüße, pralle Trauben
Wollen freche Stare rauben.“

Die „Campingfahrt“ (Heft 20) erzählt mit gekonnt dichterischer Phantasie die Geschichte unseres ersten Zelturlaubs in Italien Ende der 50er Jahre und in den Heften 13 und 15 konfrontiert Erwin Kühlewein Lurchi erstmals mit wirklich existierenden Personen. So begrüßt der damalige Firmenchef Jakob Sigle Junior die Truppe nach der Rückkehr aus Afrika mit dem Reimvers:

Dort erscheint der Herr und Meister
Allen Leders – Jakob heißt er –
Ruft voll Huld und munt’rem Sinn:
„Ja, da legst dich doch gleich hin!“

salamander-chef-jakob-sigle

Während Lurchi und seine Freunde die Schuhfabrik in Kornwestheim besichtigen (Heft 15), muss die Werksfeuerwehr ausrücken (bei einer realen Feuerwehrübung durfte ich als ca. Zwölfjähriger den Alarm auslösen), da Hopps das Feuer im Kesselhaus nur zu tüchtig schürt:

lurchi-frosch-hopps-schuert-kessel

Hopps, um Wärme sehr bemüht,
Schürt bis dass der Kessel glüht;

Als schließlich Hopps mit der Steppmaschine das Schwänzchen von Mäusepiep an einen Stiefelschaft näht, muss Schwester Lina das Schwänzlein retten. Schwester Lina war realiter in der Erste-Hilfe-Station bei Salamander und heilte damals u. a. auch die Wehwehchen der Kinder von Werksangehörigen. Damals war dies eine große soziale Leistung der Firma, die Erwin Kühlewein geschickt in dieses Lurchi-Abenteuer eingeflochten hat.

maeusepiep-verarztet

Da schreit Mäusepiep: „Mein Schwanz!
Hilfe! Hopps vernäht mich ganz“!
Lurchi kuppelt blitzschnell aus,
Rettet dadurch Schwanz und Maus.
Schwester Lina, sehr geschickt,
Hat das Schwänzlein dann geflickt.
Und nachdem es gut verbunden,
Hängt es nur noch leicht nach untern.

Anfang der 60er Jahre versuchte der deutsche Comic-Produzent Rolf Kauka meinen Vater als Texter für seine „Fix und Foxi“-Geschichten zu gewinnen. Leider hat mein Vater das Angebot nicht angenommen – die Gründe hierfür sind mir nicht bekannt.

Nachdem Erwin Kühlewein 1964 auf eigenen Wunsch die Salamander AG verlassen hatte, übernahm er die Geschäftsführung einer Getränkefirma und führte dort mit großem Elan und unnachahmlicher Arbeitsfreude seine Mitarbeiter. Er hat sich auch überbetrieblichen und gemeinnützigen Aufgaben nie verschlossen. Als Mitglied des Verkehrsausschusses war er viele Jahre für die Industrie- und Handelskammer Stuttgart tätig.

Am 12.11.1971 erlitt Erwin Kühlewein im Alter von 56 Jahren einen tödlichen Herzinfarkt, nachdem er tagsüber noch in seinem Büro gearbeitet hatte. Sein größter Wunsch blieb somit unerfüllt: im Ruhestand wieder zu schreiben und zu malen.