Vom Holzrad zum Gummireifen

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Der Lurch und die Technik: Das ist ein Kapitel für sich. Lurchi ist moderner Technik gegenüber sehr viel aufgeschlossener, als es sich für eine Amphibie ziemt. Das Bildbeispiel zeigt die Freunde am Radarschirm in der Trilogie über ihren Flug zum Mars, Folge 24 – 26, 1961/62.

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Zu einem modernerem Design für die Hefte kann sich Lurchi jedoch nur zögerlich entscheiden. In den 50er Jahren haftet der Titelschrift noch die Spitzigkeit der Sütterlin-Schrift an (obwohl es nicht diese Schrift ist). „Lurchis Abenteuer, das lustige Salamanderbuch“ steht auf dem alten Cover. Verwunderlich ist das – grammatisch zwar korrekte – Komma hinter Abenteuer, das in der Headline jedoch einen verlorenen Eindruck macht. Sammler sollten wissen, dass die ganz alten Folgen in zwei Cover-Variationen existieren: Spätere Auflagen in neuerer Aufmachung, die Erstauflagen im alten Design.

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Die alte Titelschrift, wurde mindestens bis zur Folge 19 verwandt (auf dem alten Cover heißt es noch 19. Teil), von der diese Rückseitenillustration (oben rechts) stammt: Kinder unterschiedlichen Alters lesen die Teile 4, 17 und 18.

Die allerersten Hefte hatten noch 10 Seiten und waren recht rustikal gezeichnet. Sie wurden später neu illustriert und auf die obligatorischen 6 Seiten gekürzt. Die gestrichenen Szenen werfen ein Licht auf Lurchis Verhältnis zur Technik.

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Die Räder und das Gestell von Lurchis Motorrad in Teil/Folge 3 (gestrichene Szene) sind aus Holz. Lurchi bewegt sich noch nicht in der Welt der Menschen, sondern lebt in seinem ganz eigenen Kosmos. Entsprechend ist auch die Technik z. T. aus Naturmaterialien. Er fährt mit dem Motorrad über den Rücken eines Fasans, hat also noch die natürliche Größe eines Feuersalamanders. In späteren Folgen wird er von der Größe her zum kleinen Menschen. (Über die Wandlung von Lurchis Proportionen siehe den ersten Beitrag dieser Serie.)

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Sehr sinnig werden die Formen der Natur zum Bau eines Autos genutzt: Man säge einen Baumstamm in Scheiben und hat sogleich Räder. Was die Fahrgeschwindigkeit angeht, gibt sich Lurchi recht bescheiden. Er ist schon zufrieden, ein Schneckengespann zu überholen. Die Gags dieser Geschichte wurzeln in der Tierfabel und den Märchenillustrationen des 19. Jhs.

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Für die Werbewirkung bremst Lurchi mit seinen Schuhen, kurz vor einem Abgrund.

In Folge 6 geht es in mancherlei Beziehung schon moderner zu. Der Zeichenstil ist ausgefeilter. Unkerich und Mäusepiep sind mit von der Partie. (Zur Entwicklung von Lurchis Freundeskreis siehe Ein Freundeskreis entsteht)

Geblieben ist die Technik aus der Natur, die Holzräder.

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Dafür loten die Freunde nun die Möglichkeiten ihrer Technik aus und strapazieren den Sinn des Betrachters für Realität aufs Äußerste: Geschwind werden Sprungtuch und Leiter zu Tragflächen umgebaut und das Feuerwehrauto hebt ab. Genauso schnell ist das Provisorium verschwunden.

Den angeblichen Brand (es ist lediglich der Qualm von Igelmanns Pfeife) löschen die Freunde von der Leiter aus, die schon auf der nächsten Seite ganz normal am Feuerwehrauto montiert ist, so als wäre sie nie zweckentfremdet worden. Lurchis Abenteuer folgen dem (quasi surrealen) Prinzip von Bildergeschichten, dass alles immer gerade so ist, wie es für die Handlung gebraucht wird.

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Aber zurück zu den Holzrädern. Die haben ausgedient. Im nächsten Abenteuer, Folge 7 (wie Folge 6 im Jahr 1953 erschienen), gibt Lurchi Gummi. Jetzt ist er auf Gummireifen unterwegs. Vermutlich überkam die Autoren das Gefühl, dass der Gag, unsere Welt in das Wald- und Wiesenmilieu zu übertragen, schnell an seine Grenzen stößt und abgedroschen wirken kann. Und dass die klobig wirkenden Holz-Vehikel dem Bewegungsdrang des Helden nicht angemessen sind.

In Folge 7 hält also der Gummireifen Einzug in den Lurchikosmos. Was fahrbare Untersätze angeht, rüstet Lurchi in diesem Heft gewaltig auf – erst zwei, dann vier Räder: Bei einem Motorradrennen (das Motorrad diesmal nicht aus Holz) gewinnt er ein „richtiges“ Auto, mit dem er in der nächsten Folge durch das Land braust.

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In der Folge 7 werden Elemente aus den gestrichenen Szenen der Folge 3 recycelt, so z. B. der Käfer mit dem Ölkännchen. Eklatant sind allerdings auch die Unterschiede. Besonders an Piping zu erkennen. Der Zwerg ist in Folge 7 nicht nur überzeugender gezeichnet, sondern auch ohne Zipfelmütze, also nicht mehr als Gartenzwerg gestaltet.

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Szenen aus Folge 3 (links und Mitte) und Folge 7 (rechts)

Ein Relikt aus der an der Tierfabel und an Märchenillustrationen angelehnten älteren Lurchiwelt ist die Eichelpfeife. Diese wird in späteren Folgen verschwinden, die Zwergenmütze kehrt wieder, ohne dass Piping sich dadurch zurück zum typischen Wichtelmännchen entwickelt. Zur Entwicklung dieser Figur siehe ebenfalls Ein Freundeskreis entsteht

Der Übergang von der Technik aus Holz zu der aus Gummi und Metall ist kein scharfer Schnitt. Lurchis Motorrad hat einen Seitenwagen aus Holz, mit dem obligatorischen Holzrad. Hopps findet diesen, heißt es in der Geschichte (der Leser fragt sich wo?), und bindet ihn heimlich an das Motorrad, um mitzufahren. Die nun folgende Szene ist fast schon symbolisch: Das Überbleibsel aus dem alten Lurchikonzept wird am ersten Hindernis abgestreift (links unten).

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Szenen aus Folge 7 (links) und Folge 14 (rechts)

Einmal wird der Gag mit den Holzrädern noch aufgewärmt. In Folge 14 planieren die Freunde ein Fußballfeld mit einer Dampfwalze, deren Räder besonders rustikal beschaffen sind – aus einem Baumstamm, an dem noch Rinde haftet. Dieses Motiv ist immerhin so einprägsam, dass es lange Zeit das Cover des ersten Sammelbands zierte. Damit hatten die Holzräder dann allerdings auch ganz ausgedient. Lurchi rückt in späteren Geschichten in den Führerscheinklassen um etliche Stellen nach oben. Von H (für Holzfahrzeuge) zur Allroundfahrerlaubnis ohne PS-Begrenzung inkl. Flugschein.

Der Lurchikosmos – zum Beginn der Reihe