Atmosphäre und Komposition

der-lurchi-kosmos

Zum Anfang dieser Reihe

Wie der vorige Beitrag gezeigt hat, segeln die Autoren von Lurchis Abenteuern in den 50er und 60er Jahren hart am Zeitgeschehen. Dies hindert sie nicht an gelegentlichen Ausflügen in eine romantische Welt. Bei diesem Bildern aus Folge 9 darf sich der Leser an Malerei aus dem 19. Jh erinnert fühlen.

lurchi-und-die-raeuber

Dabei ist die Farbgebung durchaus modern: Die Schattenpartien sind nicht dunkel und bräunlich, sondern in hellen bläulichen Tönen gehalten. Die Fortsetzung der Szene weist ebenfalls ins 19. Jh. Wilhelm Buschs verschmitzter Humor wird beim Bären im Zwinger aufgegriffen, der die Räuber mit Haut und Haaren verspeist hat und nun ein Schläfchen hält. Nur Hüte, Gürtel und Waffen der Räuber sind übrig geblieben.

lurchi-am-baerenzwinger

Schauerromantisch blitzt es kurz in Folge 12 auf, wenn auch nur in einem Bild: Vor fahlem Himmel kommt ein Gespensterschiff geschwommen.

lurchi-und-das-geisterschiff

Anleihen werden nicht nur bei Wilhelm Busch oder in der Märchen- und Sagenwelt gemacht, sondern auch in der Bibel: Die Schussvignette in Heft 19 ist durch die Bibel inspiriert. In
4. Mose 13, 24 bringen Kundschafter aus dem gelobten Land eine riesige Traube Weinbeeren herbei, geschultert mit einem Stecken, wie es Piping und Igelmann im Lurchiheft tun.

piping-igelmann-mit-traube

Heft 19, Schussvignette, Detail, und Schnorr von Carolsfeld, kolorierter Holzschnitt zur Bibel, Detail

Bieder romantisch endet die Folge 34 (1965) – mit Lagerfeuer bei Mondschein. Der Froschchor – so darf man vermuten – trägt mit quakiger Stimme altes Liedgut vor. Förster Dachs raucht aus der Porzellanpfeife, ein Relikt aus „der guten alten Zeit“, eine Reminiszenz an das 19. Jh.

lurchi-mit-froschchor

Doch Romantik bedeutet in Lurchis Welt keineswegs immer einen Rückgriff auf die Biedermeier-Epoche. Exotisch romantisch geht es in Folge 39 (1967) zu: Lurchi und seine Freunde nehmen bei Nacht an einem Ritual der Aborigines teil. Ein grüner Vollmond sorgt für die magische Stimmung.

lurchi-und-die-aborigines

Atmosphäre erzeugt der Zeichner Heinz Schubel jedoch nicht nur über die Farben und Lichteffekte, sondern auch über die Bildkompositionen.

Dass sich Schubel klassischer Figurenkompositionen bedient – was im Comic- und Bilderbuchbereich eher ungewöhnlich ist –, dafür mag eine Zeichnung aus Folge 47 als Beispiel dienen: Die Bergwanderer sind in ein Dreieck eingepasst.

lurchi-und-die-bergwanderer

In Folge 43 (1968) stellt Schubel eine Hexe mit ihren unzufriedenen Handlangern, einer Räuberbande, am gedeckten Tisch dar. Viele Zeichner aus dem Comicbereich, zumal wenn es um lustige Comics und Bildergeschichten geht, würden diesen Tisch wagerecht ins Bild setzen und die Räuber einfach dahinter aufreihen. Dies wäre die einfachste Art, um sechs verschiedene lustige Räuberfratzen zu präsentieren.

lurchi-bildkomposition

Nicht so Schubel. Er stellt die Räuber als Rückenfiguren dar und reiht sie rechts und links vom Tisch so auf, dass sich eine „Allee aus Wut“ in Richtung der im perspektivischen Zentrum sitzenden Hexe ergibt. Mit diesem kompositorischem Kniff schafft der Zeichner gleichzeitig eine Gewichtung (die Hexe als Hauptfigur wird von den Nebenfiguren, den Räubern, abgesetzt) und eine eigentümliche Stimmung durch die an beiden Bildrändern aufgetürmten zornentbrannten Rückenfiguren.

Der Lurchikosmos – zum nächsten Artikel

Der Lurchikosmos – zum Beginn der Reihe