Best of Heinz Schubel

Best of Schubel. Dies ist natürlich eine ganz persönliche Auswahl. Ohne Anspruch auf Objektivität!

Mit Heinz Schubel, dem Lurchi-Zeichner in den 50er und 60er Jahren, habe ich mich schon in mehreren Artikeln beschäftigt. Hierbei stand vor allem seine frühe Zeit im Vordergrund, denn natürlich ist es besonders spannend, nachzuspüren, wie alles begann. Dabei kommt jedoch die Phase der Reife und das Spätwerk zu kurz. Und dies ist schade, denn ein Zeichner hat dann am meisten zu geben, wenn durch die Routine alles nur so seinem Stift entfließt und die Bilderfindungen immer kecker werden.

Das erste Bild, das zu meinen Lieblingsszenen gehört, findet sich in Lurchis Abenteuer 17 (1957):

Lurchi und seine Freunde bauen auf einer Insel im Stillen Ozean eine Hütte. Ein Orkan reißt die Hütte mitsamt den Freunden in die Luft. Die Dachflächen klappen hoch und bilden quasi Tragflächen. Lurchi nimmt kurzerhand die Tür als Steuerruder und dreht einen Looping. Ein ganz bizarres Flugzeug, das die Freunde da haben. Und eine richtig schön überdrehte, turbulente Comicszene: Eine Hütte fliegt davon, Dachflächen werden zu Tragflächen und fertig ist das Flugzeug.

Lurchis Abenteuer 39 (1967): Wieder ein Orkan, wieder ein ungewöhnlicher Flugapparat. In der Folge 38 haben Lurchi und seine Freunde Japan bei einem Erdbeben flugs mit einem Karpfendrachen verlassen. Kurz vor Australien erwischt sie ein Sturm. Hiermit beginnt die 39. Folge. Toll, wie die Linien der Windböen das Bild zerschneiden und der Szene Dramatik geben.

Und schon sind wir in Schubels Spätwerk (zumindest, was Lurchi angeht). Ich habe mehrfach gelesen, dass Lurchi-Sammler meinen, die frühen Lurchihefte, die Erwin Kühlewein getextet hat, wären überzeugender, als die späteren Hefte, in denen Heinz Schubel nach Kühleweins Ausscheiden auch den Text beisteuerte. Dies kann ich für meine Person nicht bestätigen. Und was die Zeichnungen angeht, sind gerade Schubels späte Hefte allererste Sahne! Zwar finde ich schon, dass auch seine rustikalen frühen Lurchizeichnungen ihren Reiz haben: der quallige Unkerich, die ausgebeulten Hosen der sechs Racker, die altertümliche Pfeife vom „Igelvater“ usw. Doch für mein Empfinden zeigen gerade die späten Hefte Heinz Schubel im Zenit seiner Schöpferkraft.

Lurchis Abenteuer 42 (1968) – was für eine herrlich unwirkliche Märchenlandschaft! Dieser knallgelbe Himmel, motiviert durch eine gleißend brennende Sonne, der Schrat der Berge in Untersicht, der die durch die Luft laufenden Freunde mit seinem Hut einfängt um sie zu verspeisen. Hier spielt Schubel ganz befreit auf zum Comicreigen. Nichts scheint mehr unmöglich …

Und dann diese Hexenszene aus Lurchis Abenteuer 43 aus dem gleichen Jahr. Kurz vorher hat die Hexe ihre Kumpane, ein paar Räuber, in Katzen verwandelt. Nun wollen die sich rächen und krallen sich an der zum Schornstein herausfahrenden Hexe fest. Man glaubt förmlich, die Rückenmuskulatur besonders der oberen rechten Katze zu sehen. Mit diesen schwarzen Katzenleibern wird Schubel richtig dämonisch.

Und es wird noch abgefahrener: In Lurchis Abenteuer 45 (1969) begegnet Lurchi dem „Geist der Berge“, einem Feuerkopf auf einem Vulkankrater. Die Geschichte dazu schwächelt jedoch ein wenig. Auf den ersten Seiten passiert nichts weiter, als dass die ängstlichen Freunde sich auf dem Weg zum Gipfel nach und nach absetzen. Doch der Showdown entschädigt dafür, auch farblich (ein einfacher, aber starker Farbakkord, auf den Komplementärkontrast reduziert). Diesen Feuerkopf muss man gesehen haben! Inhaltlich ist die Szene an die Sage von Ödipus und der Sphinx angelehnt. Die Sphinx gibt Ödipus ein Rätsel auf. Hier stellt Lurchi, der dem Geist ein Rätsel. In der Griechischen Sage ist des Rätsels Lösung der Mensch, hier ist es der Salamanderschuh („Er hat kein Bein und ist zum Gehen, wo du ihn hinstellst, bleibt er stehen …“).

In Lurchis Abenteuer 51 (1971), kurz vor seinem Ausscheiden (Schubels letzte Folge war die Nr. 52), packt Schubel vollends die Fabulierbegeisterung. Lurchi und die Freunde bergen aus einem gesunkenen Schiff eine Kanone samt Munition. Ein Krake (vor dem Hopps im Kanonenrohr Zuflucht suchte) hilft ihnen dabei unfreiwillig. Krabben tragen die am Strand ausgezogenen Salamanderschuhe ins Meer, Unkerich weht mit einer Luftmatratze über das Wasser. Ein Kanonenschuss der Freunde holt ihn herunter. Er landet in einer Schatzkiste unter Wasser. Lurchi, der diese eben entdeckt hatte, und nun auch noch den vorbeiziehenden Krabben die Schuhe wieder abnimmt, bringt alles, den Schatz, die Schuhe und Unkerich mit Hilfe einer Wasserschildkröte an die Wasseroberfläche. Ein Piratenangriff  rundet die Burleske ab.

Verworren? Dass in solchen Bildergeschichten alle Logik des Erzählens über Bord geworfen wird und das Absurde triumphiert, macht gerade den Reiz der Schubelschen Lurchigeschichten aus. Und dies alles präsentiert Heinz Schubel in einer neuen experimentellen Bildaufteilung. Für mich die Krönung von Schubels Lurchiheften.