Brigitte Smith

Die Nachfolgezeichner 1 (1973)

Wer über Lurchi schreibt, bezieht seine Informationen meistens aus dem Lurchi-Katalog „Dem Feuersalamander auf der Spur“ zur Lurchiaustellung 1994 in Kornwestheim. Hier soll eine eigene Geschichtsschreibung versucht werden, beginnend ab dem Zeitpunkt, als der „gute alte Zeichner“ Heinz Schubel die Arbeit an der Heftserie aus gesundheitlichen Gründen niederlegte.

Um einen Nachfolgezeichner zu finden, hatte Salamander 1972/73 einen Wettbewerb ausgeschrieben, den die Künstlerin Brigitte Smith gewann. Einen sehr ungewöhnlichen Lurchi bekamen die Kinder in den Folgen 53 – 55 zu sehen: Die Kultur der „Blumenkinder“ hielt Einzug in die Heftserie.

Mit der Feststellung, dass Smiths Lurchizeichnungen den Arbeiten Heinz Edelmanns zum Beatles-Film „Yello Submarine“ gleichen, ist wenig gesagt. Die Künstlerin, die in San Francisco die Anfänge der Hippiebewegung miterlebt hatte, ging mit sehr viel Idealismus an die Arbeit und erneuerte Lurchi grundlegend.

Der Plot ihrer Afrikageschichte (Folge 55) könnte auch einem Tarzancomic entstammen: Jäger treiben in der Steppe ihr Unwesen. Jedoch zeigt ein Blick auf die Zeichnungen, dass die Ambitionen der Künstlerin sehr weit über die einfache Moral der Geschichte hinausgehen. Die Tiere verschwimmen zu einem einheitlichen Ganzen. Statt akademischer Zeichenkunst geschwungene arabeskenartige Linien und ungewöhnliche Farben. Das Korsett der überkommenen Zivilisation soll durch die phantasievollen Formen aufgebrochen werden. Nur die Jäger in der unteren rechten Ecke nehmen an dem Verschmelzungsprozess mit der Natur nicht teil.

Als echte Künstlerin bricht Smith Regeln. Im Gegensatz zu ihren Geschichten „menschelt“ es traditionell in Tierfabeln. In solchen Fabeln werden kauzige Menschentypen als Tiere dargestellt – Mama Maulwurf, Förster Dachs usw. –, mit feiner Ironie aber gleichzeitig auch mit Wohlwollen. Ehernes Gesetz in allen lustigen Bildergeschichten ist, dass sich die Figuren nicht verändern: Witwe Bolte lebt immer nur für ihren Sauerkohl, Dagobert Duck bleibt immer trotz seiner Milliarden sparsam, um nicht zu sagen geizig.

Hiergegen schreibt und zeichnet Brigitte Smith an. Noch ist in den frühen 70er Jahren die Aufbruchstimmung der Studentenbewegung nicht verflogen. Smith entsorgt die gesamte Erzähltradition. Allerdings zu einem hohen Preis: Die „lustigen Salamandergeschichten“ aus ihrer Feder sind an keiner Stelle lustig. Der augenzwinkernde Blick auf die menschlichen bzw. im Falle von Lurchi und Co. „tierischen“ Schwächen fehlt.

Auch an anderen Klischees kratzt die Künstlerin. Heinz Schubel hatte Lurchi noch ein Indianerabenteuer in der Art von Karl May erleben lassen (Folge 36). Smith erteilt dem Lurch in Folge 54 eine Lektion in echter indianischer Mythologie:

Anscheinend verkörpert in der Mythologie der Cherokeesen ein riesiger Uhu das Böse. Sein Reich ist ein Dornenthron oder Dornenberg. Lurchi und seine Freunde schleichen sich an, um einen Indianerjungen zu befreien. Die „Schlange“, die die Freunde tragen, ist ein stilisiertes Netz, mit dem sie den Uhu wenige Bilder später fangen werden. Rechts im Bild ganz klein der Indianerjunge, dahinter groß aufragend und nicht auf den ersten Blick zu erkennen der Uhu.

Die anfängliche Begeisterung Salamanders für den neuen Lurchi nahm ein jähes Ende. Nach einer Aussage von Brigitte Smith gab es bei Salamander eine Personalveränderung. Der neue Werbechef stellte die Anforderung, dass Lurchi wieder in der Art von Heinz Schubel umgesetzt werden solle und die Künstlerin lehnte ab. So wurde die Zusammenarbeit schon nach drei Heften beendet. Beides ist nachvollziehbar: Dass Brigitte Smith nicht bereit war, ihrem Konzept untreu zu werden, aber auch, dass der neue Werbeleiter den alten Lurchi wiederhaben wollte.

Was bleibt von dieser Episode in Lurchis Leben? Die Erkenntnis, dass der jeweilige Zeitgeist in die Heftserie eingeflossen ist und Lurchi somit auch ein Stückweit Geschichte wiederspiegelt. Die seltsamen Lurchihefte der Brigitte Smith sind zu bestaunen im Sammelband 3 von Esslinger auf den Seiten 57 – 79.

Dass die Künstlerin 1973 den Wettbewerb um die Schubel-Nachfolge gewann, erstaunt nicht, angesichts der schönen Arbeiten, die auf der Homepage von Brigitte Smith zu sehen sind (auch wenn diese Werke neueren Datums sind).

Zur Folge 2 über Puelma und Heft 56