Ein Haus für Lurchi und seine Freunde – Teil 3

Fortsetzung und Schluss der Reihe über die Entwürfe zu Lurchis neuem Haus in den Minibüchern 2000/01. Zum Anfang der Reihe.

Nach den in den vorigen Artikeln bereits gezeigten Entwürfen geht es nun in die Endrunde, was die Entwicklung der neuen Behausung für Lurchi und seine Freunde betrifft. Damit ich nicht wieder und wieder neue Versuche machen müsste, bekam ich von der Werbeagentur einen Tipp, was ihnen gefallen könnte: eine Wassermühle. Eine solche kam schon unter Heinz Schubel in Lurchis Abenteuer 11 vor, sowie in meiner Folge, Lurchis Abenteuer 118, „Lurchi und der Tarnring“. Und ein weiterer Tipp: Es dürfe gern ein auffälliges Gebäude sein, z.B. eins mit einem markanten Türmchen, wie (… man höre und staune …) das Haus in Hitchcocks „Psycho“.

Ich schuf nun also einen Zwitter aus deutschem Biedermeier und Hitchcock. Im Gegensatz zu den beiden oben erwähnten Wassermühlen, dachte ich diesmal an eine stillgelegte Mühle. Ein altes verlassenes Haus hat doch irgendwie eine ganz eigene Atmosphäre. Jedoch der erste Entwurf befriedigte mich nicht:

In einem neuen Entwurf bemühte ich mich, dem Haus und der Szenerie durch kräftige Schatten mehr Stimmung zu geben. Dass ich dabei auch die Form des Anbaus veränderte, halte ich aus heutiger Sicht für einen Fehlgriff. Sehr schön gefällt mir aber Unkerichs Schlepper in diesem Licht:

Dann jedoch fiel mir ein, dass die Werbeleute, die für das neue Konzept verantwortlich zeichneten, schon am dunklen Märchenwald (siehe den ersten Artikel hierzu) Anstoß genommen hatten. Also würde ich sie auch nicht für diese stark verschattete Mühle begeistern können. Und dann sieht die Szene doch mehr wie eine Nachtszene aus. Lurchi und seine Freunde würden ja in Zukunft nicht immer bei Nacht ihre Abenteuer erleben können.

Also besann ich mich wieder auf die klaren Linien klassischer Comic-Kunst. Wie würden z.B. Disney-Zeichner eine solche Szene umsetzen? In älteren Donald Duck- und Micky Maus-Comics verzichteten die Zeichner früher völlig auf solche Beleuchtungen mit nur wenigen Lichtkanten und großen Schatten (dies wird – soviel ich weiß – von neueren Disney-Zeichnern heute nicht mehr so streng vermieden).

Ich versuchte nun also ein Gebäude wie aus einem Disney-Comic zu entwerfen, in dem z.B. auch ein Donald Duck alias Phantomias seine Superheldenuniform und ein verstaubtes Buch mit Geheimtipps für sein neues Doppelleben hätte finden können:

Besonders der tote Baum hinterm Haus hat es mir angetan. Seit ich mal in einer alten Micky Maus-Geschichte eine solche Baumruine gesehen habe, hat sich dieses schwarze Gebilde mit verkrüppelten Zweigen und riesigen Astlöchern förmlich bei mir eingebrannt. So ein Baum ist gleichsam eine Bildmarke, die dem Betrachter sagt, hier ist alles alt und abgestorben, auch das Haus. Diese Bildmarke ist der Ersatz für die dramatische Beleuchtung im zweiten Entwurf oben.

Ebenso Disney verpflichtet ist der Baum rechts. Die schwungvollen Linien der Äste sind den Formen einer Pinsellinie nachempfunden. Hierbei nimmt sich der Zeichner nicht die Natur zum Vorbild und karikiert dann deren Formen ein wenig, sondern er zwingt die Natur in ein zeichnerisches Korsett, das der Comicstil mit seinen schwungvollen Pinsellinien gewissermaßen vorgibt. Linienartistik pur und eine Neuschöpfung der Welt.

In diesem Entwurf sehen wir natürlich keine Pinsellinien, sondern ich bemühte mich, deren Wirkung mit dem Bleistift zu simulieren. Zu gut wohl, denn die Werbeagentur wünschte schließlich, dass ich Lurchis Abenteuer fortan mit Bleistift zeichnen sollte, um eine „Bilderbuchanmutung“ zu erzeugen, weniger eine Comicanmutung. Dies tat ich dann auch in den sieben Minibüchern – schweren Herzens: Denn die Pinsellinie gehört schon zu meinem Stil.

Der Entwurf der Mühle wurde genommen. Nur wünschten die Werbegrafiker, das ich die Szene noch vereinfachen sollte. Von all den vielen Überlegungen blieb in der Ausführung kaum etwas über. Nur ein kümmerlicher schwungvoller Ast über Lurchis Haupt in dem ersten Minibuch „Lurchi und ein Geburtstag wie kein anderer“.