Erzähltempo in Lurchis Welt

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Zum Lurchikosmos gehört ganz wesentlich das rasante Erzähltempo, das zwar auch der Kürze der Abenteuer verschuldet ist (pro Geschichte nur sechs Seiten), aber auch dem in den Geschichten waltenden Drunter-und-drüber-Prinzip.

Eine solche temporeiche Ereignisfolge ist in Folge 51 zu sehen:

Krabben kriechen in die Schuhe der Freunde und verschwinden damit im Meer. Unkerich will sie verfolgen, bläst seine Luftmatratze auf und wird irrwitzigerweise vom Wind mitgerissen.

Seine Freunde probieren eine alte Kanone aus, nicht wissend, dass sie Unkerich damit abschießen. Schubel arbeitet hier mit einem Split-Panel: die Flugbahn der Kugel setzt sich im nächsten Bild fort.

Derweil entdeckt Lurchi einen Schatz. Gleichzeitig kommen (praktischerweise) die Krabben vorbei. Er sammelt die Schuhe ein und legt sie in die Schatztruhe. Damit ist auch der Werbebotschaft Genüge getan.

Nun geht es Schlag auf Schlag. Die Schuhe sind noch nicht verstaut, da sinkt Unkerich herab. Bevor ihm die Luft ausgeht, taucht unter der Schatztruhe zufällig eine Wasserschildkröte auf. Sie bringt die beiden Freunde und den Schatz an die Wasseroberfläche.

Zugleich mit dem Problem (Unkerich braucht dringend Luft) wird auch schon die Lösung angeboten: die Schildröte ist der Fahrstuhl nach oben. Hierin weichen die Lurchigeschichten ganz vom Vorbild Wilhelm Busch ab. Bei Busch dienen temporeiche Gags dazu, die Figuren immer weiter in einen Schlamassel hineinzuziehen, bei Lurchi, um sein Improvisationstalent und seine Unbekümmertheit hervorzuheben.

Schubel hat die Handlung so komprimiert, dass er sogar vor dem Schlussbild auf Seite 6 auf Seite 5 noch eine neue Episode, eine Begegnung mit Piraten einflechten kann. Diese werden aus Platzgründen (die Geschichte muss zum Ende kommen) unmittelbar nach ihrem Erscheinen mit einem Kanonenschuss ausgeschaltet (wieder ein Split-Panel).

Übrigens hat Schubel dieser Folge ein ungewöhnliches Layout verliehen:

Sonst ist seine Aufteilung immer statisch: oben die Bilder, unten der Text. In Folge 51 experimentiert er mit der Aufteilung. Es bleibt ein einmaliger Versuch. In Folge 52 kehrt er zur üblichen Aufteilung zurück. Danach legt er die Arbeit am Lurchi nieder und wird durch andere Zeichner ersetzt.

Lurchi bewährt sich in den Turbulenzen als tollkühner Held. Die Wahl eines (Feuer-)Salamanders als Emblem und Firmenname mutet im Grunde seltsam an. Denn dieses Tier ist dem Menschen eher nicht vertraut, zumindest nicht als Haus- oder Kuscheltier. Im Mittelalter stellte man es gar als kleinen Drachen dar und glaubte, dass es so viel Kälte in sich hat, dass es unbeschadet durch Feuer gehen kann. Von diesen Empfindungen – Befremden und Respekt – scheint der positivere Teil in den Helden der Heftserie eingeflossen zu sein.

Links: Der Salamander thront auf der Weltkugel. Skulptur des Stuttgarter Bildhauers Josef Zeitler am Portal des ehemaligen Firmengebäudes in Kornwestheim, rechts: Eine frühe Version des Firmenlogos (1904), unten: Die Freunde stellen in einer akrobatischen Aktion das Firmenemblem nach (Folge 22, 1960).