Ist Lurchi ein Comic?

Oder könnte er einer werden? Als ich 1995 mit der Arbeit an der Heftserie Lurchis Abenteuer begann, habe ich Salamander auch diese Variante vorgeschlagen: Lurchi als Comic. Dabei habe ich mich nach dem Prinz Eisenherz-Prinzip an sprechblasenlosen Comics orientiert. Mit aus den Mündern quellenden Sprechblasen wollte ich die Traditionalisten unter den Fans denn doch nicht in die Flucht schlagen.

Salamander entschied sich dafür, Lurchis Abenteuer im bisherigen Format und in der bisherigen Aufmachung fortzuführen. Die Geschichte, die ich als Comic skizziert hatte, arbeitete ich Ende 1995 zu einem klassischen Lurchiheft um, der Folge117, meinem dritten Lurchi-Abenteuer: Lurchi und der Stahlelefant. Die Geschichte nimmt auf den gleichnamigen Roman von Jules Verne Bezug, in dem die Protagonisten mit einer wie ein Elefant aussehenden Dampflok durch Indien reisen.

Lurchi kriegt es wie der Filmheld Indiana Jones mit den Anhängern der Göttin Kali zu tun. Von meinen verschollenen alten Comicentwürfen habe ich jüngst zwei Seiten in einer alten Mappe wieder aufgefunden, die ich hier nun vorstelle. Mit Erstaunen stelle ich nach vielen Jahren fest, dass Lurchi auf diesen Skizzen keinen Hut trägt. Vermutlich fand ich damals den Tirolerhut im indischen Dschungel unpassend (und habe damit Lurchis Phase ohne Hut in den Jahren 2000 – 2004 vorausahnend vorweggenommen).

Von dieser Seite 2 des Comics habe ich nur das Bild 3 und 5 in die finale Heftfassung aufgenommen.

Auch die Seite 5 des Comics musste ich auf wenige Bilder reduzieren (auf die Bilder 1, 2 und 6). Schade ist es um das Bild 3, auf dem die Freunde beteuern, dass sie bei ihrer Gefangennahme keine Angst hatten (was natürlich nicht stimmt). Eine lustige Szene, die aus Platzgründen entfallen musste.

Meine Verwurzelung im klassischen „Fun-Comic“ lässt sich an dieser Geschichte sehr schön erkennen, obwohl ich die comic-gemäße Seitenaufteilung aufgegeben hatte: z.B. in den Nebenfiguren, den Indern, die ich ganz im Stile solcher Comics gestaltete. Ich wählte als Tiere für die Inder Ratten. Hier zuckt mancher vielleicht. Es war jedoch nicht despektierlich gemeint, sondern schien mir passend, da Ratten – soviel ich weiß – in Indien teilweise als heilig gelten.

Interessanter in unserem Zusammenhang sind jedoch die Proportionen der Inder, die ich natürlich sehr dünn zeichnete, da man im Comic immer auch ein bisschen das Klischee (Fakire usw.) bedient – um die Bilder unmittelbar „eingängig“ zu machen.

Aber WIE schlank zeichnete ich sie? Hier war mir Uderzo (der Asterix-Zeichner) das Vorbild, der in diesem Punkt besonders kühn gewesen war.

In seinen frühen Comics, bei Umpah-Pa, findet man bereits sehr dünne schlaksige Indianer. Und doch hat Uderzo hier noch nicht sein Extrem gefunden (Bild A). Jahre später, im Asterix-Band „Die große Überfahrt“ geht er sehr viel radikaler und befreiter mit der menschlichen Anatomie um (Bild B). Erstaunlich war damals (das Album erschien in Deutschland 1976) für mich zu sehen, dass auch eine sehr kräftige Figur auf ganz dünnen Beinchen daherkommen kann (Bild C). Eine solche Emanzipation von der Natur war eine Offenbarung für mich. In den Kali-Anhängern der Lurchiheftes setzte ich diese Proportionen um.

Doch nicht nur die Proportionen dieses Kali-Kriegers sind typisch für den klassischen Fun-Comic. Weitere Elemente sind z.B. der Mund und die Augen. Bei dem Mund passen Ober- und Unterkiefer nicht zusammen. Hier opfert der Comiczeichner die anatomische Logik dem Ausdruck. Der Mund, wie ein sehr dicker Pinselstrich gehalten, ist auf eins reduziert: er ist einzig ein stilisierter Schrei.

Die Augen werden in Comics oft geschlossen gezeichnet: hier wie zugekniffen. Bei starken Emotionen schließen wir die Augen oft ein wenig, so dass man kaum noch die Pupillen sieht. Dies wird in der Comiczeichnung noch etwas übertrieben und vor allem auf pfiffige Weise vereinfacht dargestellt. Drei kurze schnittige Linien braucht der Comiczeichner für ein solches Auge. Eine für die Augenbraue, eine direkt darunter klebende für das eigentliche, zum Schlitz verengte Auge und eine dritte als Begrenzung des Unterlides. Hier kommt es auf den Millimeter an: ein kurzes Verzögern oder Verzittern mit dem Pinsel, ein halber Millimeter zuviel Abstand zwischen Auge und Augenbraue, ein falscher Winkel der drei Linien zueinander – und der Ausdruck ist verdorben. Um diese Linienartistik zu genießen, guckt man sich Comiczeichnungen am besten in schwarzweiß an.

Wie man sieht, ist dieses Lurchiheft 117, Lurchi und der Stahlelefant, nicht nur in der Planung ein Comic gewesen. Der Comic steckt in jedem Detail, in jeder (Pinsel-)Linie.