Lurchi und die Wikinger – eine Zeitreise

Um 6:00 Uhr in der Frühe stand ich in einem Gräberfeld vor der Stabkirche in Urnes (Norwegen). Eine Fähre, die den verschlafenen und schwer erreichbaren Ort mit Waren versorgte, hatte mich über den Fjord gebracht. Für die Besichtigung der Holzkirche war nicht mehr als eine Stunde Zeit, dann musste ich mit der gleichen Fähre wieder zurück – die einzige Chance, von hier noch an diesem Tag fortzukommen.

Nun stand ich also vor der verschlossenen Kirche. Doch was mich interessierte, befand sich ohnehin außen: eine Schnitzerei, die älter war als dieses sonst schmucklose Gebäude. Dieses Relief sollte mich Jahre später dazu inspirieren, Lurchi auf eine Zeitreise in die Wikingerepoche zu schicken.

An der Stabkirche von Urnes hatte man ein Portal, zwei Planken und eine Säule von einem älteren Holzgebäude verbaut. Möglicherweise von der Vorgängerkirche an diesem Platz, aber vielleicht auch von einem Holztempel aus vorchristlicher Zeit. Urig genug sind diese Schnitzereien der alten Norweger, dass sie aus einer grauen Vorzeit stammen könnten.

Das Portal ist über und über mit einem Geflecht aus Linien bedeckt, die teilweise in Schlangenköpfen auslaufen und einen Drachen (?) oder Hirsch (wenn man die Schmuckformen am Hinterkopf als Geweih deutet) umwinden. Der Kunsthistoriker Lamprecht schildert diese Art der Ornamentik so: „Bald erscheinen sie (die Linien) parallelisiert, bald verklammert, bald vergittert, bald verknotet, bald verflochten, bald wohl gar in gegenseitiger Verknotung und Verflechtung durcheinandergewürfelt. So entstehen phantastisch wirre Muster, deren Rätsel zum Nachgrübeln reizen …“

Man könnte meinen, die alten Wikinger hätten Zaubersprüche in dieses Geschlinge hinein gewoben. Und im Lurchiheft 119 von 1996 , Lurchi und die Wikinger, ist es dann auch so: Lurchi und seine Freunde besichtigen eine Stabkirche, dessen Portal sich als Zeittor, oder besser gesagt als eine Zeitfalle der Nordmänner erweist. Die Stabkirche im Lurchiheft ist übrigens nicht der in Urnes nachgebildet, sondern der in Borgund, die mit ihren pagodenförmigen Dächern sehr viel malerischer wirkt.

Als Lurchi und seine Freunde die Stabkirche verlassen, betreten sie ein längst verflossenes Jahrhundert: die Wikingerzeit. Die Stabkirche hat sich zum Holztempel der Wikinger gewandelt.

Bei dem Gebäude habe ich mich an einer Rekonstruktionszeichnung orientiert, wie der Tempel, von dem die Planken in Urnes vermutlich stammen, möglicherweise ausgesehen hat. Archäologie im Lurchiabenteuer.

Die Nordmänner im Lurchiheft fangen mit ihrer Zeitfalle Besucher der Stabkirche und zwingen sie, die Drachenboote zu rudern. Der pupillenlose Blick meiner Wikinger war Salamander zu unheimlich.

Ich musste die Zeichnung überarbeiten. Salamander entschied sich für die Variante links, mit der ich mich gar nicht recht identifizieren konnte. Glücklicherweise gelang es mir, Salamander zu der Zeichnung rechts zu überreden.

Das linke Bild ist mir einfach zu artig. Hier kommt mein an Comics gebildeter Geschmack zum Tragen. Etwas schrullig darf es schon gern sein. Die rechte Zeichnung, auf der die beiden Walrosse vor Melancholie kaum unter ihren schwer herabhängenden Augenlidern hindurchblicken können, hat deutlich mehr Witz als die linke, auf der sie sehr brav wie putzige Stofftiere aussehen.

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Dieses Lurchiheft und die im vorigen Artikel besprochene Geschichte Lurchi und der Stahlelefant, sind im Lurchi-Sammelband Nr. 7 enthalten, der als Neuedition vom Esslinger-Verlag im Januar 2012 erscheint.