Lurchis Abenteuer – Reime oder Prosatext?

Warum die Reime verschwunden sind

1999 kam der Lurchi-Kosmos auf den Prüfstand: Salamander ließ in einer Marktanalyse feststellen, wie beliebt Lurchis Abenteuer heute noch sind. Anfang 2000 wurden mir dann die Ergebnisse vorgestellt. Videoaufnahmen zeigten Mütter, die gelangweilt in meinen Folgen 115 – 129 blätterten. Ihre Kinder würden sich mehr für Tabaluga interessieren, befanden sie einhellig.

Da wurden nun Äpfel mit Birnen verglichen, denn Tabaluga war damals im TV präsent. Somit war ein solches Ergebnis zu erwarten. Interessanter waren die Befunde im Einzelnen, auf zahlreichen Seiten in Diagrammen anschaulich gemacht. Bemängelt wurde die folkloristische Anmutung, die an Spielmannszüge (Lurchis Jägerhut) und Gartenzwerge denken lässt. Sogar Wackeldackel und gehäkelte Klorollenbezüge wurden assoziiert.

Und in dieser Untersuchung steht dann auch der Satz, der die textliche Tradition von Lurchi ins Wanken brachte, eine Empfehlung der Müttergruppen: „Auf Reime verzichten, zu anstrengend!“

Dies konnte ich nun aus eigner Erfahrung bestätigen: meine Neffen z. B. haben gereimte Kinderbücher grundsätzlich nicht gelesen. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Jedoch will Salamander möglichst breite Schichten ansprechen, nicht nur die Kinder, die von ihren Eltern an Texte in der Art von Wilhelm Busch herangeführt wurden oder selbst dafür ein Faible entwickeln konnten.

Die Lurchi-Sammler überrascht vielleicht, dass ein solch beliebter und bekannter Werbecomic wie Lurchis Abenteuer überhaupt auf seine Gegenwartstauglichkeit untersucht wird. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, dass Lurchi Werbung für einen Mode-Artikel macht, wird dies vielleicht verständlicher:

Stellen Sie sich eine junge Frau vor, durch eine Einkaufsstraße flanierend und auf der Suche nach dem „neuesten Schrei“ – Schuhe fürs Büro oder für die nächste Party. Wenn die Dame im Schaufenster einer Salamanderfiliale auf einem Werbedisplay eine Szene wie dieses Pilzhaus von Heinz Schubel sieht, mit Mama Salamander in Schürze, dann könnte sie durchaus das Gefühl beschleichen, hier nicht den richtigen Laden für ihr Anliegen vor sich zu haben. Werblich können heute solche Szenen kontraproduktiv sein, soviel Charme auch zweifellos in ihnen steckt.

Ihnen gefällt gerade dieses 50er-Jahre Milieu? Wie viele Paar Kinderschuhe kaufen Sie im Jahr? Null Komma Null? Sehen Sie, dies ist das Problem: Der klassische Lurchi punktete in den Jahren 1995 – 99 vor allem bei den Sammlern und Freunden von Bilderbüchern, aber zuwenig in den Familien, die als Käufer von Kinderschuhen die Zielgruppe der Heftserie sind. Dies ergab die Marktanalyse. Lurchis Welt ist weniger poetisch, als vielmehr prosaisch.

Lurchi soll Verkaufszahlen für Kinderschuhe erbringen. Vor diesem Hintergrund muss man die Bemühungen im Jahr 2000 sehen, Lurchis Welt etwas zu verändern. Hier ein Entwurf aus diesem Jahr, der die damalige Marschrichtung verdeutlicht:
Mehr Technik, weniger Wald- und Wiesenromantik.

Dieser Entwurf wurde in den Minibüchern der Jahre 2000/01 nicht verwendet, inspirierte mich aber später zu dem Abenteuer Lurchi jagt Dr. Go.

Lurchis Abenteuer 132, Lurchi jagt Dr. Go, Titelseite – Version in höherer Auflösung

In Lurchis Abenteuer, Lurchi jagt Dr. Go, kommt ein ähnlich geformtes Amphibienfahrzeug vor.

Übrigens hat das Wald- und Wiesenmilieu bei Lurchi keineswegs ausgedient. Bereits in der Folge 134, Lurchi und das Zeitfenster (das 6. Lurchiheft nach der Phase mit den Minibüchern in den Jahren 2000/01), gibt es jede Menge Räuber- und Posthornromantik. Das Lurchiheft 146, Lurchi und das Einhorn, spielt vor einer romantischen Waldkulisse und in der Folge 147, Lurchi und die Fee Emily, geht es ganz märchenhaft zu: Lurchi freundet sich mit einer Fee an und begegnet der bösen Hexe Simsalabimba.