Lurchis abenteuerliche Evolution

Die Werbefigur der Firma Salamander, Lurchi, hat eine weite Entwicklung hinter sich. Der Feuersalamander, der sich schon auf dem frühen Emblem der Firma krümmte, war zunächst noch ganz der Realität abgeguckt. Ein Molch, wie er im (Natur-)Buche steht.

Lurchis Evolution

Aufgerichtet und auf zwei Beinen wandelnd, aber sonst ziemlich naturbelassen, erlebte er in der Heftserie Lurchis Abenteuer aufregende Geschichten. Noch in der Folge 7 (1953) hat er den unförmigen Körper eines Salamanders: ohne Taille. Auf dem Rücken ist ein durchgehender langer gelber Fleck, wie ihn einige dieser Tiere in der Natur tatsächlich haben. In späteren Folgen nähert sich Lurchis Körperform der menschlichen Anatomie an. Nun zieren vier symmetrisch angeordnete Flecken den Rücken.

Lurchis Abenteuer 7 und 43 zum Vergleich

Lurchis Abenteuer, Folge 7 und Folge 43

Wenn man die Sammelbände „Lurchis gesammelte Abenteuer“ genauer studiert, stellt man verblüfft fest, dass die zeichnerische Entwicklung sich nicht lückenlos und schlüssig nachvollziehen lässt. Die Folgen sind in diesen Bänden bekanntlich nicht in der richtigen Reihenfolge angeordnet. Doch auch in der chronologisch richtigen Reihenfolge bleibt es bei unerklärlichen Sprüngen.

Lurchis Abenteuer Nr.4, Lurchi und seine Freunde

Lurchis Abenteuer, Folge 4: Der Freundeskreis ist hier bereits in ausgereifter Form zu sehen

In der Folge 4 (Esslinger, Sammelbd. 1, S. 126) sieht man eine zeichnerisch bereits ausgereifte Mannschaft, in der Folge 6 (Esslinger, Bd 1, S. 42, Abbildung siehe weiter unten) dagegen die Figuren in einem Frühstadium. Da wundert es dann nicht, dass die Folge 4 in der Liste (im Internetauftritt von Salamander) auf das Jahr 58 datiert wird, die Folge 6 dagegen auf 53. Offensichtlich entsprechen die Heftfolgen nicht der zeitlichen Entstehung der Geschichten. Zumindest wird Schubel die Folgen nicht ganz in der Reihenfolge der Nummerierung gezeichnet haben.

Darüber hinaus vermute ich, dass die Bilder einiger früher Hefte retouchiert wurden. Dass es solche Retouchen gab, werden wir gleich weiter unten sehen.

Möglicherweise hat man Lurchi in einigen Bildern, als die Folgen zum ersten Sammelband zusammengefügt wurden, dem gerade aktuell erreichten Stand angepasst. Vielleicht geschah dies aber schon bei den neueren Auflagen der frühen Hefte. Da ich keine dieser frühen Hefte besitze, kann ich meine These nicht nachprüfen und muss mich auf die Fassungen in den Sammelbänden beziehen.

Lurchis Abenteuer, Folge 6, Einstiegsbild

Lurchis Abenteuer, Folge 6 – Fassung aus den Sammelbänden

In Lurchis Abenteuer Folge 6 ist – wie gesagt – ein sehr archaischer Stand der Figuren zu sehen, was weiter unten noch seine Erklärung findet. Unkerich hat einen unförmigen, aufgequollenen Körper. Am erstaunlichsten ist Piping. Er trägt einen sehr üppigen roten Bart (sonst immer weiß). Dies kommt – meiner Kenntnis nach – nur in dieser einen Folge so vor.

Hier fragt man sich, ob dann nicht auch Lurchi in dieser Geschichte eine sehr frühe Form seiner Gestaltung aufweisen müsste. Und siehe da: Auf der Abbildung (unten) ist zu sehen, dass Lurchi auf dem Bild ursprünglich anders ausgesehen hat. In dem Sammelband haben wir es mit einer retouchierten Fassung zu tun. Lurchis Bauch war ursprünglich schwarzgrau geriffelt, mit nur wenigen (orange-)gelben Flecken an den Seiten. Am Unterkiefer und um den ganzen Mund herum war er schwarz, bzw. grau, nicht gelb wie im retouchierten Bild, das ihn auch mit den obligatorischen vier Flecken auf dem Bauch zeigt, wie er sie in allen späteren Folgen trägt. (Die sonstigen farblichen Unterschiede der beiden Fassungen dürften dagegen auf drucktechnische Gründe zurückgehen.)

Lurchis Abenteuer, Folge 6, Originalzeichnung

Lurchis Abenteuer, Folge 6 – Originalzeichnung, Version in höherer Auflösung (1200 x 1000 Pixel)

Der Lurchi der 6. Folge war also von seiner späteren, stark stilisierten Form viel weiter entfernt, als es der Sammelband uns glauben machen will. Als Entwicklung der Figur lässt sich feststellen, dass Lurchi zunächst von Schubel als ein eher natürlicher Feuersalamander gezeichnet wurde, dem nur ein aufrechter Gang und menschliche Extremitäten verpasst wurden.

Vergleich verschiedener Lurchis

In einer Übergangsphase verschwand die Bauchriffelung zugunsten von vielen, sehr unregelmäßig verteilten orangegelben Flecken, vermutlich um ihn freundlicher aussehen zu lassen. Schließlich werden seine Körperproportionen fast menschlich, Rücken und Bauch weisen je vier symmetrisch angeordnete Flecken auf. Die Farbe ist nun flächig: Verzicht auf Abstufungen im Gelb und Schwarz, was zu einer plakativen  Wirkung führt. Aus dem Tier ist eine stilisierte Comicfigur geworden.

Nach den Jahreszahlen auf der Lurchi-Internetseite von Salamander ergibt sich folgende Reihenfolge der Entstehung. Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Sammelband 1 von Esslinger (in Klammern die Seitenzahlen des alten ersten Sammelbands von Salamander)

Jahr 1952    Nr.   1   S.   10     (6)   Beim Zwergenkönig
Jahr 1953   Nr.   6   S.   42   (38)   Feueralarm
Jahr 1953   Nr.   7   S. 134 (118)   Motorrad
Jahr 1953   Nr.   8   S. 140 (124)   Autofahrt
Jahr 1954   Nr.   9   S. 148 (132)   Im Schloss
Jahr 1954   Nr. 10   S. 156 (138)   Sportwettkämpfe
Mrz 1955   Nr. 11   S.   58   (54)   An der Mühle
Juni 1955   Nr. 12   S.   66   (60)   Fahrt ins Meer
Okt. 1955   Nr. 13   S.   74   (68)   In Afrika
Dez. 1955   Nr. 14   S.   50   (46)   Fußball
Mrz 1956    Nr.   2   S.   18   (14)   Im Walde
Juni 1956   Nr. 15   S.   82   (74)   Schuhfabrik
Okt. 1956    Nr.   3   S.   34   (30)   Sport/Ballon
Feb. 1957   Nr. 16   S.   92   (82)   Am Ganges
Okt. 1957   Nr. 17   S. 106   (88)   Als Torero
Mrz 1958   Nr. 18   S. 164 (146)   Im Weinberg
Juli 1958     Nr.   4   S. 126 (110)   Flugzeug
Nov 1958   Nr. 19   S. 169 (152)   Im Weinberg 2
Juni 1959   Nr. 20   S. 110   (93)   Campingfahrt

Ohne Jahresangabe   Nr. 5   S. 26 (22)   Waldschule

Demnach hätte Schubel also zunächst die alte Folge Nr. 1 neu gezeichnet, bevor er mit dem Texter Erwin Kühlewein sein „eigentlich“ erstes Heft, also seine erste eigene Geschichte – die Folge 6 -, geschaffen hat (was die unausgereiften Figuren dieser Folge und Pipings langen roten Bart erklären würde). Dann hat das Autorenduo die Serie zunächst bis Folge 14 fortgesetzt, bevor Schubel immer wieder zwischendurch einige aus der Vorkriegszeit stammende Texte vom Salamanderchef Dr. Haffner neu illustriert hat (orange markiert).

Einige Ungereimtheiten bleiben auch bei dieser Reihenfolge noch. In Folge 12 und 13 (Mitte 1955) trägt Piping schon seine für später typische Kleidung: Roter Pulli und Zwergenmütze in Form eines Bommels. In der Folge 14 kehrt er dann seltsamerweise für eine Folge zu älterer Kleidung (kariertes Hemd, Latzhose, keine Mütze) zurück. Insgesamt ist aber die zeichnerische Entwicklung durch diese Reihenfolge sehr viel besser nachvollziehbar.

Die fliegende Feuerwehr, Lurchis Abenteuer Folge 6, wäre demnach Heinz Schubels erste ganz eigenständige Lurchi-Arbeit. Das Feuerwehrauto, um das es in dieser Folge geht, ist übrigens auch in meinem Lurchi-Museum ausgestellt.