Lurchis Widersacher

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Was wäre ein Held ohne seine Widersacher? Gleich im zweiten Heft starrt Lurchi aus einem Tümpel der Wassermolch Lemurian mit einem Dolch in der Faust entgegen. Nicht zuletzt, weil sich Molch auf Dolch und Strolch reimt. Eine ähnliche Szene bringt Heft 6. Nun hütet der Molch einen Schatz und trägt den Dolch im Maul.

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Jedoch gibt es in Lurchis Welt keine Panzerknackerbande, die dem Helden immer wieder zusetzt. Die Angreifer wechseln ständig und sind mitunter bedrohlich groß: ein Kondor, ein Keiler, ein Tiger, ein Krokodil … oder wie in diesem besonders originellen Beispiel aus Folge 12 ein Krake und ein Sägefisch:

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Aber hierbei handelt es sich meist um blindwütige Angriffe. Interessanter wird es in Folge 27, in der ein Rabenschwarm mit Bedacht angreift.

rabenschwarm

Schon im ersten Bild der Geschichte versammeln sich die Raben im Hintergrund auf dem Gemäuer einer verfallenen Burg, die Lurchi mit seinen Freunden wieder aufbauen will. Der aufmerksame Leser ahnt Böses, die Freunde noch nicht. Zunächst fliegen die Raben davon, ohne den Freunden etwas zu tun.

Der Angriff erfolgt erst – interessante Verzögerung – drei Seiten später:

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Die Raben auf dem Gemäuer im Hintergrund des ersten Bildes erinnern an Hitchcocks „Die Vögel“, und zwar an die Szene, in der sich Krähen auf einem Klettergerüst sammeln. Das Lurchiheft erschien allerdings schon im November 62, „Die Vögel“ kamen erst im März 63 in die amerikanischen und im September 63 in die deutschen Kinos. Und doch drängt es sich auf, zwischen Heft und Film eine Verbindung zu sehen, wenn es auch reine Spekulation bleiben muss: Vielleicht war die Kunde von Hitchcocks Dreharbeiten (seit 1961) bis zu den Autoren der Lurchihefte gedrungen? Und die Kurzgeschichte der britischen Schriftstellerin Daphne du Maurier, auf der Hitchcocks Film basiert, ist bereits 1952 erschienen.

Die Raben sind schnell außer Gefecht gesetzt. Neue Widersacher harren unseres Helden. In Folge 28 ist die Burg erbaut, wird aber von einer Schar Maulwürfen besetzt. Lurchis Widersacher treten oft als Meute auf. Die Freunde, sechs Individualisten, treten gegen eine namenlose Rotte an. Dass Texter Kühlewein und Zeichner Schubel hier Maulwürfe wählen, überrascht allerdings, denn Maulwürfe sind in der Natur Einzelgänger. Angeführt werden sie von einem Raben, der stark an Hans Huckebein von Wilhelm Busch erinnert.

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Die Bösewichte in Folge 34 sind Ottern, die auf einem Floß angreifen. Während die Freunde durch Kleidung oder Kopfbedeckung immer stark vermenschlicht dargestellt werden, wird dies den Ottern verwehrt: Ihr Grad an Vermenschlichung ist deutlich geringer.

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Gleiches gilt auch für die Biber, die sich im nächsten Heft (Folge 35) des Floßes der Freunde bemächtigen. Von der Gestik (Nasedrehen) abgesehen, sind die Biber eher natürlich dargestellt und nicht durch Bekleidung individualisiert.

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Alle diese Bösewichte haben oft nur Kurzauftritte. Eine Seite wird den Ottern gewidmet, den Bibern zwei, bevor Lurchi sie unschädlich macht.

Mehr Raum wird den Maulwürfen gewährt, die als feindlicher Indianerstamm in Folge 36 das Kriegsbeil gegen die Freunde ausgraben. Wieder, wie auch schon in der Burggeschichte (Folge 28), sind sie zivilisierter als die Ottern und Biber (denn sie tragen immerhin Hosen) und werden deshalb am Ende auch zu Lurchis Freunden.

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In seinen späten Heften gibt Schubel den Schurken mitunter mehr Raum. Die ganze Geschichte ist dann nicht so episodisch, sondern baut sich rund um den Antagonisten auf. Der Bösewicht gibt der Story Gewicht. Dies gilt z. B. für den Kampf gegen Zauberer Archibald, Folge 32, und für den Kapitän, der in Folge 46 Tiere auf sein Schiff lockt, um sie einzufangen. (Siehe bei Der Mensch im Lurchiland)

Ein besonderer Gegner stellt sich den Freunden in Folge 44 entgegen. Es ist der hinterlistige Ratgeber des Zwergenkönigs, ein gerissener Scharlatan, schlank, galant, mit Feder am Hut, also ein wahrer Mephistopheles. Das erste Bild dient auch gleich als Ouvertüre der Schurkengeschichte: Der Scharlatan lauert hinter einem Baum.

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Er bietet den Freunden – seltsamer Einfall des Zeichners – einen Wagen an, dessen Räder Pulverfässer sind.

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Kurz darauf geht es auch schon gefährlich schnell bergab. Lurchi kommentiert die Situation: „Kann nicht bremsen! Bremse fehlt!“ In Umkehrung der biblischen Geschichte über Absalom, den Sohn Davids, dessen Ende damit besiegelt wird, dass er an einem Baum hängenbleibt, retten sich die Freunde, indem sie einen Ast, unter dem sie durchfahren, ergreifen. Der dickste, Unkerich, plumpst natürlich als Erster zu Boden. Diese Details machen Schubels Geschichten besonders sehenswert.

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Der Plan des Scharlatans geht selbstverständlich nicht auf. Schon Goethes Mephistopheles will stets das Böse und schafft doch das Gute. Und so sprengt die folgende Explosion eine Abkürzung zum Königsschloss in die Felswand. Klar, dass die Freunde im weiteren Verlauf dem gutmütigen König gegen seinem perfiden Ratgeber beistehen und alles zum Besten wenden. (Weitere Szenen aus dieser Geschichte sind im vorigen Beitrag zu sehen.)

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