Sammelbände Eins, Zwei, Drei

Ein schöner Rücken kann auch entzücken! Buchrücken in Lurchi-Optik.

Die neuaufgelegten Sammelbände Eins, Zwei und Drei (Esslinger-Verlag) haben rückwärtig ein neues Design: lurchi-like gelb/schwarz gefleckt.

Diese drei Bände enthalten die Lurchihefte Folge 1 bis 57, Lurchis goldene Ära in den 50er und 60er Jahren. Jeder Band repräsentiert eine Epoche aus Lurchis Historie, die hier etwas augenzwinkernd mit dem Aufstieg Roms zur Weltmacht (Gründerzeit, Blütezeit, Kaiserzeit) in Analogie gestellt werden soll.

(Die römischen Motive stammen nicht aus den Sammelbänden, sondern aus Lurchiheft 157)

Der 1. Band führt uns in die Gründerzeit. Er zeigt, wie alles begann. Lurchi steckt in den ersten Heften aus der Feder von Heinz Schubel noch im wahrsten Sinne des Wortes in den Kinderschuhen. Aber auch Rom hat klein angefangen: Der Sage nach ließ der von einer Wölfin aufgezogene Romulus eine Stadtmauer bauen, die anfangs so niedrig war, dass sein Zwillingsbruder Remus darüber hinweg springen konnte.

Lurchi muss zunächst in einigen Geschichten dieses Bandes noch ohne seine Freunde und ohne ein Konzept auskommen. In Folge 2 begegnet er einem Frosch, der im Text als Vater Hopps, also als älteres Semester vorgestellt wird. Sein Potenzial, zum besten Freund von Lurchi aufzusteigen, ist in dieser Geschichte noch nicht zu erkennen:

Ähnlich verhält es sich mit Igelmann. Mit einem Igel kriegt es Lurchi schon in Folge 1 zu tun. Am Ende der Geschichte richtet sich der Igel auf (unten Mitte), offensichtlich einem Drang zur Vermenschlichung folgend. In einer späteren Geschichte ist ein mit einer Hose bekleideter Igel zu sehen (unten rechts), im Text Igelvater genannt. Die Figuren werden also in einem fortgeschrittenen Alter in den Lurchikosmos eingeführt und müssen sich erst verjüngen, um wirklich Anteil an des Helden Abenteuern zu haben.

Dies geschieht bereits in Folge 5 und so nebenbei, dass es einem unaufmerksamen Leser gar nicht auffällt. In dieser Folge geht Lurchi in die Schule und spielt seinen Mitschülern einen Streich. Unter den Klassenkameraden befinden sich Hopps und Igelmann, beide nun von Vätern zu Schülern verjüngt. Auch Mäusepiep und Lurchis Schwester Trine sind hier schon mit von der Partie:

Dennoch bestreitet Lurchi einige weitere Abenteuer nur zusammen mit Hopps, dem Frosch. Doch langsam formiert sich um die beiden ein unzertrennlicher Freundeskreis. Auf der Schlussvignette des ersten Bandes schreiten die sechs frischgebackenen Bilderbuchhelden gemeinsam in eine glorreiche Zukunft:

Übrigens ist es ganz überraschend, aus welchen Quellen der Zeichner Inspiration schöpft: Das Motiv der riesigen, von zwei Leuten getragenen Weinrebe, stammt aus dem alten Testament (4 Mose,13, 24).

 

Band 2 enthält die Geschichten aus Lurchis Blütezeit. In unserem Parallelbeispiel Rom war die Stadtmauer in Roms Blütezeit hoch genug, dass sie nicht mehr übersprungen werden konnte. Und die römischen Legionäre eroberten Land um Land.

Lurchi und seine Freunde erobern die Welt mit Charme und Schuhen. Auch den Weltraum. Im 2. Band ist die unter Lurchifans berühmte Marstrilogie zu finden.

Es kommen aber auch die Geschichten nicht zu kurz, die im natürlichen Umfeld eines Feuersalamanders spielen: Mit einen Entengeschwader überfliegen Lurchi und seine Freunde in einer der abenteuerlichen Folgen Wald und Flur und landen schließlich vor einem romantischen Pilzhäuschen.

Doch schon bald treibt es sie wieder hinaus in die weite Welt. Dieses Bild zeigt sie in Japan, am Fuße des Fudschijama:

… und hier kommen sie auf Meeresschildkröten an der Küste Australiens an:

Spätestens mit diesen Geschichten hatte Lurchi die Herzen aller Kinder in den 60er Jahren erobert.

 

Es bleibt, Band 3, also die Kaiserzeit zu besprechen. Was wäre Rom ohne das Kolosseum, welches erst 130 Jahre nach Asterix errichtet wurde? Kaiserzeit klingt nach Verfall. In der Tat wollen manche Lurchi-Sammler, die auf die Texte von Erwin Kühlewein schwören, in den vom Zeichner Schubel nach Kühleweins Ausscheiden selbst geschriebenen Geschichten ein Absinken an Qualität ausmachen. Nach meiner Einschätzung schlägt sich Schubel aber ganz ordentlich als Reimeschmied. Und, was viel wichtiger ist, er kann die Geschichten nun so stricken, wie er es für seine visuellen Ideen braucht. Bereits etwa die Hälfte der Geschichten des 2. Bandes hat er selbst geschrieben.

In den Geschichten des 3. Bandes zieht es ihn besonders zu Märchenthemen. Am Anfang des Buches steht ein Block von vier Märchengeschichten. Insbesondere bei der ersten zieht Schubel alle Register seines Könnens und schafft ein kolossal schönes Lurchiheft:

Er löst am Beginn des Abenteuers den Bildrahmen auf und lässt die Freunde Traumdeutung betreiben …

Er schickt sie mit einem Sprung in ein Märchenland mit knallgelbem Himmel …

Er löst im originellsten Bild dieses Lurchiheftes den dreidimensionalen Raum ganz auf und entfacht ein Feuerwerk aus spitzen Formen und grellen Farben …

Auch moderne Themen werden im Band nicht vernachlässigt. In einer Geschichte bohrt Lurchi nach Öl. Kurz bevor Schubel die Arbeit an Lurchis Abenteuern aus gesundheitlichen Gründen niederlegt, schafft er meine absolute Lieblingsgeschichte: Eine Schatzsuche unter Wasser inklusive Piratenepisode. Schubel experimentiert hier mit der Seitenaufteilung und gibt zum ersten Mal die für damalige Lurchihefte obligatorische Aufteilung (oben Bilder, unten Text) zugunsten eines interessanteren Layouts auf:

Kaiserzeit bedeutet allerdings tatsächlich z. T. auch Orgien und Verfall. Die Künstlerin
Brigitte Smith ersetzte Schubel und bot drei Hefte lang Orgien aus fließenden Formen. Sie schickte die Freunde nach Afrika, China und zu den Cherokeesen. Gestalterisch allerdings nach Absurdistan. Die Kinder dürften Bauklötze gestaunt haben. Denn ohne eine Einführung, warum moderne Künstler so gerne traditionelle Gestaltungsweisen in Frage stellen und warum im Beatles-Film Yellow Submarine (der als Inspiration diente) fließende Formen verwendet wurden, ist dieses künstlerische Experiment kaum zu verstehen:

Die immerhin ambitionierte Künstlerin wurde durch einen völlig unbegabten Zeichner ersetzt (dessen Name nicht mehr zu eruieren ist), der das schlechteste Heft der gesamten Lurchihistorie ablieferte. Wir befinden uns im Verfall:

Er wurde nach nur einem Heft durch den chilenischen Zeichner Enrique Puelma ersetzt, der seine Sache nicht viel besser machte und sich auch nicht lange gehalten hat. Die römische Geschichte kennt das Vierkaiserjahr (69 n. Chr.), in dem kurz hintereinander vier Kaiser auf dem Thron kamen, von denen drei die Kaiserwürde ganz schnell wieder verloren haben. Lurchi befand sich nach Schubels Fortgang offensichtlich in einer ähnlichen Phase. Von Puelmas wenigen Folgen ist in Band 3 nur ein Heft abgedruckt, in dem Lurchi den Wald von Unrat befreit. Insofern hat auch die damals (1974) aufkeimende Ökobewegung ihre Spuren in Lurchis Abenteuern hinterlassen:

Der Band 3 bietet also im Gegensatz zu Band 1 und 2 ein eher etwas uneinheitliches Lurchibild. Drei künstlerisch übermotivierte (Smith) und zwei dilettantische Lurchihefte (Puelma und unbekannt) stehen zwölf späten Schubel-Heften gegenüber, von denen ich mehr als die Hälfte zu seinen besten zähle. Meine Empfehlung lautet daher für alle Lurchi-Fans trotz der fünf Entgleisungen: Kaufen! Wer Schubel in seiner Bestform sehen will, sollte sich diesen Band zulegen.

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Sammler, die mit der Heftreihe gut vertraut sind, dürften übrigens über das neue Titelbild von Band 2 staunen. Denn das Motiv des Rollschuh laufenden Lurchis stammt aus Band 1! Dort erkundet Lurchi auf Rollschuhen die Salamanderfabrik.

Die alte Auflage des 2. Bandes zierte die Lurchigruppe vor einer Getreidegarbe. Ein Motiv das nur bedingt in die Buchreihe passt, denn Lurchi ist sonst auf den Buchdeckeln immer solo zu sehen.

Dies wurde nun korrigiert. Aber wie hat es nun ausgerechnet ein Motiv aus Band 1 auf das Cover von Band 2 geschafft? Es wurde wohl – so meine Information – nicht zuletzt aufgrund seiner Dynamik zunächst ein Schlittschuh laufender Lurchi ins Auge gefasst (Heft 29, die zweite Geschichte im Band), dann aber für zu saisonal befunden (ein Wintermotiv).

Man erinnerte sich eines ähnlichen Bildes und wurde in Band 1 fündig: So wurden aus den Schlittschuhen Rollschuhe.

Mir erscheint diese Entscheidung suboptimal. Der Kenner verortet das Motiv in Band 1 und fragt sich vielleicht, ob er überhaupt den richtigen Band in den Händen hält. Bei eher unbedarften Lurchifans wird das Motiv zwar nicht für Verwirrung sorgen, aber es verweist mehr oder weniger auf eine Alltagssituation, nicht auf das sehr abenteuerliche, reiselustige Leben des Helden. Daran haperte auch schon das Motiv mit der Getreidegarbe.

Sondiert man die in Frage kommenden Titelbilder der Lurchihefte (hier eine Auswahl) nach geeigneten Kriterien, wird allerdings schnell klar, dass ein gutes Covermotiv für Band 2 nicht so leicht zu finden ist:

Der Lurchi mit Wünschelrute (obere Reihe links) ist dem wandernden Lurchi auf Band 1 in der Haltung zu ähnlich. Beim Abholzen des Waldes (nächstes Motiv) will man ihn auch nicht sehen. Der Lurchi mit dem Alphorn ist zu speziell und kann schlecht für ganz unterschiedliche Geschichten stehen, mal ganz davon abgesehen, dass auch dieses Motiv wie die beiden vorigen nicht sehr abenteuerlich ist. (Für Lurchis Lunge vielleicht schon.). Weiter in der Reihe: Lurchi mit dem Plan einer Burg – um die geht es immerhin in zwei Geschichten des Bandes … war dem Esslinger-Verlag das Schwert zu kriegerisch? Das nächste Motiv mit der Nixe verbietet sich natürlich, wenn man Lurchi solo präsentieren will.

Untere Reihe: Als Astronaut aus der Marstrilogie. Eigentlich sehr passend für den Band, aber man sieht wenig von Lurchi und er steht auch etwas steif da wie ein Ölgötze. Lurchi, wie er sich (in eine Tropfsteinhöhle) abseilt – dies Motiv wurde bereits für Band 4 vergeben (m. E. auch eine seltsame Entscheidung). Als Indianer oder Zauberer – zwei schöne Motive. Aber Lurchi trägt hier nicht seinen typischen Jägerhut und die Motive waren dem Verlag vermutlich auch zu speziell auf ein bestimmtes Thema bezogen. Was spricht gegen den Lurchi, der einen Sonnenschirm als Fallschirm benutzt? Dass der Papierschirm auf Japan verweist? Für mich wäre dieses Motiv die erste Wahl gewesen: Das Motiv ist dynamisch und witzig – und passt auch gut zu Lurchis Charakter, der ein Meister im Improvisieren und Zweckentfremden von Gegenständen ist.

Aber wie auch immer: Nun saust Lurchi also auf Rollschuhen ins Abenteuer. Am Inhalt des 2. Bandes hat sich nichts geändert. Die Lurchifreunde finden in diesem Buch wie eh und je die Folgen 22 bis 40.