Intermezzo – Wilhelm Busch als Vorbild für Lurchi

Dieser Artikel widmet sich Wilhelm Busch, Heinz Schubels Vorbild. Besonders Schubels Buch Bock und Beck, der Klassenschreck ist ganz im Geiste von Wilhelm Busch geschrieben und gezeichnet.

Auch für die Heftserie Lurchis Abenteuer war Wilhelm Busch oft als Vorbild maßgeblich, sowohl für das Gesamtkonzept, als auch in manchen Einzelszenen. Zu den Einzelszenen hier einige Beispiele:

Ein Fass kommt gleich ins Rollen:


Wilhelm Busch: „Diogenes und die bösen Buben von Korinth“
Heinz Schubel: „Lurchis Abenteuer, Folge 19“ – Unkerich im Fass


Wirkung eines falschen Getränks:


Wilhelm Busch: aus „Fritze“ – statt Alkohol trinkt Grete Vitriol
Heinz Schubel: „Lurchis Abenteuer, Folge 15“ – Unkerich trinkt aus Versehen Essig


Flucht vor stechenden Insekten durch Hechtsprung ins Wasser:


Wilhelm Busch: „Schnurrdiburr, oder die Bienen“ – Eugen flüchtet ins Wasser
Heinz Schubel: „Lurchis Abenteuer, Folge 48“ – Unkerich rettet sich ins Moor

Wie man sieht, ist Unkerich im Freundeskreis für Pannen, Pech und Pleiten zuständig.


Auch die episodische Erzählweise von Schubels Lurchigeschichten hat in Wilhelm Busch ein Vorbild, der in loser Reihenfolge Begebenheiten aneinander reiht, z.B. sieben Streiche (im Unterschied etwa zum Plot eines Krimis, bei dem ein am Anfang vorgestellter Fall am Ende seine Aufklärung findet). Was Wilhelm Busch pro Kapitel macht, macht Schubel pro Seite. Unter dem Oberthema „Ritter“ handelt er in Lurchis Abenteuer 50 auf Seite 1 den Begrüßungstrunk, Seite 2 Armbrustschießen, 3 Falkenbeize, 4 Turnier und 5 Schwertschlucken ab, bevor das große Schlussbild mit dem üblichen Fest folgt.

Lurchis Abenteuer, Folge 50 – Jede Seite bringt eine neue, in sich abgeschlossene Episode: Falkenbeize und Turnier

Max und Moritz, die Vorlage zu Schubels Bock und Beck, wurde Wilhelm Busch’ größter Erfolg. Nach der 137. Auflage (1937) stellte man die Auflagenzählung ein. In ihrer Biografie „Wilhelm Busch“ stellt Michaela Diers die Frage: „Haben sich Max und Moritz als heimliche Nationaldichtung der Deutschen neben Nibelungenlied und Faust geschmuggelt?“ In der Tat könnte man es so sehen.

Und dabei wundert man sich, was dieses „Kinderbuch“ den Kindern so zumutet. War früher mehr möglich, ohne dass ein Buch aus den Kinderzimmern verbannt wurde? Sicher. Doch soll Max und Moritz auch beim ersten Erscheinen bei Lehrern und Pädagogen Befremden und Empörung ausgelöst haben.

Spätestens im sechsten Streich erweist sich die angebliche Moralpredigt als bloßer Schein und ein Abgrund tut sich auf: Der Bäcker steckt Max und Moritz ohne zu zögern in den Backofen.

Aus dem versuchten Mord wird im siebten Streich ein vollführter. Nur für das Aufschneiden der Säcke schleppt der Bauer sie zur Mühle. Ohne nachzufragen betätigt sich der Müller als Vollstrecker eines zweifelhaften Urteils, in Übereinkunft mit der Dorfgemeinschaft, wie der Leser im Nachwort erfährt. Ob sich dies nur durch die Nähe zum Märchen erklären lässt, dessen Begebenheiten oft ungewöhnlich grausam daherkommen, mag jeder für sich entscheiden.

Max und Moritz kommen in die Mühle, eine Szene die auch Heinz Schubel inspiriert hat: Lurchis Abenteuer, Folge 11

Wir blicken am Schluss auf das erstaunlichste Bild des zweiten Streichs, das aufgeschnittene Haus der Witwe Bolte: eine Simultanbühne. Auf drei Ebenen rollt das Geschehen ab – die Buben auf dem Dach, der Spitz in der Küche und Witwe Bolte im Keller.

Erstaunlich ist die Knappheit der Kulisse. Das Haus ist eigentlich nur ein großer Herd, um den eng drei Wände aufgestellt sind. Das Dach besteht fast nur aus dem Schornstein. Rechts und links ist gerade soviel Dach, dass dort die beiden Spitzbuben Platz haben. Ein Regal, das nur vier Bilder vorher noch an der Küchenwand zu sehen war, hat der Zeichner einfach entfernt. Kein Schrank, kein Stuhl, kein Fenster, keine Tür! Der Spitz ragt mit dem Schwanz aus der Küche hinaus. Als ob Wilhelm Busch sagen wollte: „Seht, dies ist eine Theaterkulisse.“

Im Keller eine ähnliche Sparsamkeit der Gestaltung. In ihm befindet sich fast nur das Fass mit dem Sauerkohl. Und in die Ecke geklemmt: Ein Besen, ein Krug – und ein Ding, das ich nicht erkennen kann. (Könnte dies eine Mausefalle sein? Ein Käfig auf einem Brett? Das würde zu Busch passen.) Und dann, ganz verblüffend, rechts eine Säule!?! Hier, an diesem dunklen Ort in einem sonst völlig schmucklosen Haus ein Stückchen Renaissancearchitektur?

Mit diesem seltsamen, originellen und – wie wir gesehen haben – auch rätselvollen Bild bringt Wilhelm Busch nicht nur die zentrale Handlung des Kapitels auf den Punkt. Das Haus ist meiner Ansicht nach auch ein Sinnbild des reduzierten Lebens, das die Witwe Bolte führt. Was bleibt ihr in dieser Architektur übrig, als immer zwischen Herd und Fass hin- und herzulaufen? Eine Fressmaschine, gefangen in Küche und Vorratsraum. Nur zwei Öffnungen hat das Haus: Eine nach oben, durch die Max und Moritz Unheil anrichten können und eine große zum Betrachter hin, damit dieser den Streich bequem sehen und ein Homerisches Gelächter anstimmen kann.

Jedenfalls bringt Wilhelm Busch seine Zeichnungen auf den Punkt. In dieser Ökonomie der Gestaltung übt sich auch Heinz Schubel in seiner wohl einzigen Bildergeschichte vor Lurchi: in Bock und Beck, der Klassenschreck – dem Buch, dass ich in den nächsten Artikeln vorstellen werde.