Wo wohnt Lurchi?

Im Jahr 2000 bekamen Lurchi und seine Freunde ein neues Haus:

Sie zogen in eine stillgelegte Mühle ein, Unkerich in einen auf Land liegenden Schlepper. In weiteren Artikeln werde ich bald die Entwürfe dazu präsentieren, die ganz verschiedene, ausprobierte Alternativen zeigen.

Mit Beendigung der Phase der Minibücher (2002) habe ich auch Lurchis neuen Wohnsitz verworfen und durch ein „normales“ Haus ersetzt.

Da das Haus der Freunde in den meisten Abenteuern gar nicht vorkommt, oder, wenn es mal als Startpunkt einer Geschichte fungiert, mitunter nur eine Ecke davon gezeigt wird (siehe z.B. Folge 137), macht es Sinn, dass es ein eher gewöhnliches, unscheinbares Haus ist (auf dem Titel der Folge 143 als ganzes zu sehen).

Dies wirft die Frage auf, wo Heinz Schubel, der Zeichner in den 50er und 60er Jahren, die Freunde wohnen ließ? Die meisten seiner Geschichten beginnen mitten im Abenteuer, auf freiem Feld oder in einem fernen Land.

Hier verfährt Schubel wie Wilhelm Busch in Max und Moritz: Lurchi und seine Freunde scheinen wie die beiden Buben ohne Eltern zu leben – oder wie Pippi Langstrumpf in der Villa Kunterbunt –, und ihre Behausung wird nicht gezeigt.

In einigen Geschichten gibt es dann aber doch ein Haus zu sehen. Von Zwerg Pipings Hütte ist die Rede. Die steht an einem Weinberg (Folge 18, 1958, Esslinger Sammelband 1, Seite 164). Ein andermal schauen die Freunde aus einer Almhütte (Folge 37, 1966, Essl. Bd 2, S. 106). Doch dies scheinen mehr saisonale Wohnorte zu sein, keine festen Wohnsitze.

Sehr viel konkreter ist es in der frühen Folge 3 (1956, Essl. Bd 1, S. 34).

Hier sieht man Lurchi mit seinen Eltern vor der strohgedeckten „Villa Salamander“, umgeben von riesigen Blumen und Grashalmen, eben im richtigen Verhältnis zu einem Feuersalamander. Ein großer Pilz spendet als Sonnenschirm für Vater Salamander Schatten. Diese Proportionen hat Schubel bald aufgegeben: In späteren Geschichten ist Lurchi so groß, dass er einem ausgewachsenen Menschen bis zur Gürtellinie geht (Folge 40, 1967, Essl. Bd 2, S. 156).

Einmal noch kommt Heinz Schubel auf dieses Umfeld der Villa Salamander aus der Folge 3 zurück: In der Folge 35 (1966, Essl. Bd 2, S. 103) landen die Freunde, auf Enten fliegend, vor Lurchis Elternhaus. Das mittlerweile andere Proportionen hat: Es ist sehr viel höher als Grashalme und Blumen und hat sich in ein Pilzhaus umgewandelt (in diesem Artikel zu sehen).

Das war der letzte Auftritt von Lurchis Eltern. In seiner Spätphase setzt Schubel immer mehr auf Märchenstoffe, in denen Mama und Papa Salamander keinen Platz mehr haben. Ihren „Sprung ins Märchenland“ wagen Lurchi und seine Freunde von einem gemeinsamen Schlafraum aus, den Schubel sehr originell durch eine Frontansicht der Betten ins Bild setzt (Folge 42, 1968, Essl. Bd 3, S. 10). Man darf vermuten, dass die Freunde nun ein eigenes Haus bewohnen, unbeaufsichtigt von ihren Eltern – eben wie Pippi Langstrumpf. Lurchi hat gewissermaßen sein Kinderzimmer in der Villa Salamander verlassen und lebt mit seinen Freunden in einer WG.

Ein bisschen erinnert dieses Bild an den Schlafraum der 7 Zwerge in Schneewittchen, wie er in Disneys Zeichenrickfilm dargestellt ist.

Wie sich Schubel das Haus der Freunde vorgestellt hat, davon gibt er eine Ahnung in der 48. Folge (1970, Essl. Bd 2, S. 90). Hier trainieren Lurchi und seine Freunde in einem umzäunten Garten. Links ist noch eine Hausecke zu sehen. Es ist kein Pilzhaus und keine Almhütte aus Holz, sondern ein schlichtes weißes Gebäude, dessen Fenster mit den für Schubel so typischen Fensterläden (mit herzförmigem Loch) versehen sind.

Der Verlauf dieser Geschichte zeigt übrigens, dass Schubel auch weiterhin Lurchis Familiensituation in der Schwebe lässt. In Garten des Hauses, das nie ganz zu sehen ist, hängt Lurchis Schwester Trine (die auch in dem Haus wohnt?) Wäsche auf, u.a. auch „Omas Unterhose“ (also doch eine zusammenlebende Großfamilie?).

Warum bleibt Lurchis Familiensituation so ungeklärt? Eltern von Comic-Helden scheinen in Bildergeschichten überhaupt ein Problem zu sein (wohl, weil sie den kindlichen Helden in seinem Bewegungsdrang hemmen würden?). Man denke an die Disney-Comics, in denen es nur Onkel und Neffen gibt. Großeltern dagegen sind akzeptabel (Oma Duck), vermutlich, weil sie zwar mahnen können, aber dem Helden gegenüber nicht direkt weisungsberechtigt sind. Auch Lurchis Vater sieht optisch (siehe oben) eher wie ein Großvater aus und spielt auch eine ähnliche Rolle.

Jedoch bemühen sich die meisten Comics sehr darum, den Wohnsitz ihrer Helden klar festzustellen: Onkel Dagobert wohnt im Geldspeicher, Donald in einem von Dagoberts Häusern – in Sichtweite zum Geldspeicher – zur Miete, Kapitän Haddock (aus Tim und Struppi) im Mühlenhof. Und natürlich ist hier das Dorf von Asterix zu erwähnen, mit der den Comics vorangestellten Karte: alles ist genau lokalisiert. Heinz Schubel geht bei Lurchi einen anderen Weg und lässt alles unbestimmt. Vielleicht durch Max und Moritz inspiriert, die ohne ein klar definiertes Zuhause agieren.